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Woran sterben unsere Thorichthys? (DCG-Information, 2001 / 145)

 


?Kannst Du mir ein paar Thorichthys aureus besorgen?? sagte mein langjähriger Aquarianerfreund Michael, der zusammen mit mir und Frank bereits 1995 im Süden von Belize etliche dieser wunderschönen Tiere fing. Ganz so einfach war es dann doch nicht, aber einige Telefonate führten mich wieder zu Heiner, welcher mir als langjähriger Pfleger von Th. aureus bekannt ist.
In Dortmund angekommen, stellte ich fest, daß es sich zwar um sehr schön gefärbte, aber auch sehr große Tiere handelte. Natürlich begann alsbald die Diskussion unter den dort anwesenden Cichlidenkennern. „So große Tiere kannst Du nicht umsetzen, die gehen sofort ein“, meinte Jürgen. Irgendwie hat er recht, ging es mir durch den Kopf. Der lange Transport von ca. 6 Stunden und dann das Umsetzen der erwachsenen Tiere in ein völlig anderes Milieu, das konnte nie gutgehen. Warum?

Dazu müssen wir uns etwas genauer mit diesen kleinen, glitzernden Juwelen aus dem Dreiländereck zwischen Südostmexiko, Belize und Guatemala beschäftigen. Thorichthys-Arten haben sich in unseren Aquarien als besonders anfällig für Darmparasiten erwiesen. Die Symptome sehen fast immer gleich aus, die Tiere fressen nicht mehr, die Farben hellen auf, der Bauch schwillt an und dann sind sie nicht mehr zu retten und gehen bald ein. Die Ursache liegt sicherlich auch im Streß, der zum einen durch vergesellschaftete andere Arten aber auch durch eigene Artgenossen im Aquarium mit begrenzten Revieren und Fluchtmöglichkeiten entsteht. Darüber sind sich die Aquarianer einig und ich habe bereits 1997 ausführlich darüber berichtet.
Ein zweites Problem ist das Umsetzen erwachsener oder heranwachsender Tiere. Wuchsen die Thorichthys bislang gut und zeigten keinen Befall durch die oben genannten Darmparasiten, dann reicht oft der Umzug ins nächste Aquarium aus, um sie in Kürze in den Fischhimmel zu befördern. Selbst dann, wenn es sich um ein Aquarium der gleichen Anlage handelt, auch zentralgefilterte Aquarienanlagen mit Wasserbedingungen, welche überall gleich sind, können oft die Massenausfälle nicht verhindern. Demzufolge gilt als ungeschriebene Regel unter den Experten: Aufziehen in einem recht großen Aquarium, in dem die Tiere für immer bleiben können, möglichst keine anderen Arten dazu und nie umsetzen. Wobei dieses „für immer bleiben“ relativ gemeint ist, da die Thorichthys ohnehin recht kurzlebig sind im Vergleich zu anderen mittelamerikanischen Arten wie z.B. Vieja- oder Parachromis-Arten. Älter als 3-4 Jahre werden die Tiere in den Aquarien ohnehin nicht und selbst diese geringe Lebensdauer verkürzt sich bei den Weibchen durch häufiges Ablaichen, was oft geschieht. Von Vieja-Arten weiß ich, daß V. bifasciata mehr als 14 Jahre in Gefangenschaft verbrachte...
Warum aber sind die Thorichthys so schwer zu halten? Auch hier muß diese Behauptung relativiert werden, da es viele Buntbarscharten in Zentralamerika gibt, welche immer wieder ähnliche Problem bei der Haltung im Aquarium machen. Erwähnen möchte ich hier z.B. nur ?Cichlasoma? istlanum, bartoni, labridens, steindachneri, Herichthys minckleyi, Theraps irregulare, etc. Dabei handelt es sich aber um seltene, kaum im Handel gepflegte Arten, welche eigentlich nur von Kennern und Spezialisten gehalten werden mit mehr oder weniger Erfolg. Thorichthys-Arten tauchen immer wieder im Handel auf, vor allem der altbekannte Th. meeki, gelegentlich Th. aureus, Th. ellioti und Th. helleri. Äußerst selten findet man die anderen Arten der Gattung wie Th. affine, Th. callolepis, Th. pasione, Th. spec. ?Coatzacoalcos?, und Th. socolofi.
Eine eingehende Beobachtung und Studie der natürlichen Lebensräume hilft wenig weiter. Thorichthys-Arten finden sich sowohl in fließenden als auch stehenden Gewässern der oben genannten Länder, zum Teil mit sehr hartem, alkalischen Wasser (über 55°dh, ph über 8) oder weichem, leicht sauren Wasser (5°dh, ph 6,7). Bei den Fließgewässern finden wir Thorichthys zum einen in schnellströmenden, z.T. recht kühlen Klarwasserflüssen (z.B. Rio Chocolja), wie auch in warmen, trüben und träge dahinfließenden Flüssen (z.B. Rio Tulija-Unterlauf). Natürlich ändert sich zwischen Trocken- und Regenzeit der Charakter vieler Gewässer, aber nur unwesentlich. Gleiches gilt für stehende Gewässer. Wir fingen Thorichthys in glasklaren Seen (z.B. Laguna Bacalar) als auch in trüben, stinkenden Restwasseransammlungen mit Ölflecken und 33-34°C Wassertemperatur. Unsere 1992 bei Ciudad Pemex in Mexiko gefangenen Fische stammten aus einem Gewässer mit Totenkopfschild, da unweit die staatliche Mineralölgesellschaft Pemex (daher auch der Name der Stadt) ihren Sitz hat und diverse verrostete Rohrleitungen allgegenwärtig waren. Ohne hier weiter abschweifen zu wollen, die Erkenntnis liegt klar auf der Hand: Thorichthys-Arten sind in der Natur recht anpassungsfähig und wahre Überlebenskünstler.
Warum nicht im Aquarium? Diese Frage stellt man um so häufiger, wenn man schon einmal selbst diese Buntbarsche in ihrem natürlichen Lebensraum gefangen hat und in die Heimat mitbrachte.
Bei unseren Reisen waren die Tiere manchmal unbeschreiblichen Strapazen ausgesetzt. Nach dem Fang in kleine Gefrierboxen gesetzt und ohne Sauerstoffversorgung ins brütendheiße Auto. Gegen Abend endlich ins nächstbeste Hotel und dort die Box fast völlig entleert, die kleinen Fischchen in ein paar Tropfen schwimmend, füllten wir die Behälter oft mit Leitungswasser auf, das viel kälter war und manchmal stark gechlort, wenn nicht gerade ein sauberer Fluß oder See neben dem Hotel lag. Mit Anschluß an die mitgebrachte Membranpumpe auf den Stein- oder Betonboden gestellt, welcher zwar nicht kalt war im herkömmlichen (mitteleuropäischen) Sinne, doch der Temperaturschock war allemal seit dem Leitungswasser da. Am nächsten Tag die gleiche Prozedur, noch mal ein 95% Wasserwechsel, dann wieder ab ins Auto zum Aufheizen ohne Luftversorgung. Je nachdem, zum welchem Zeitpunkt der Reise die Tiere gefangen wurden, wiederholte sich diese tägliche Prozedur bis zu 15 mal. Dabei wurden die Fische zwar immer wieder gefüttert und mit frischem Wasser versorgt, insgesamt aber eine immense Belastung im Vergleich zur späteren Haltung in großen Aquarien für die kleinen mitgebrachten Tiere. Trotzdem überstanden die allermeisten Thorichthys diese Transportaktionen ohne Schaden. Die Probleme kamen immer erst später, es sei denn, man beachtet die „Expertenregel“ mit dem Aufziehen im Artenbecken, in dem die Tiere dann auch bleiben. Doch selbst dies führt nicht immer zum Erfolg.
Zurück zu den Th. aureus aus Dortmund. Michael setzt die Tiere bei sich zu Hause in ein 200-Liter-Aquarium mit den üblichen Standardmaßen von 100 x 40 x 50 cm. Als Gesellschafter befanden sich bereits einige Neuguinea-Grundeln (Tateurndina ocellicauda !), westafrikanische Pelvicachromis pulcher mit 2 Generationen Jungfischen (!!!) sowie ein paar Kongosalmler (!!!) dort. Die eingesetzten 6 Th. aureus mit der leider etwas unglücklichen Geschlechterverteilung von 5/1 machten schließlich das Becken mehr als voll.
Das konnte einfach nicht gutgehen. Aber wer meinen Freund Michael kennt, der weiß, daß er alles nachzüchtet, was er hält (mittlerweile haben auch die Grundeln Jungfische, welche in einem eingebrachten Ablaichkasten heranwachsen). Eine haarsträubende Geschichte für mich. Drei männliche Th. aureus wurden abgegeben, da die Tiere ständig rauften. Kein Wunder bei der Anzahl der Fische. Die verbleibenden 2 Männchen teilten sich das Becken brüderlich auf und das einzige Weibchen balzte beide an. Gelaicht haben die Tiere auch schon und Probleme gab es nur insofern, daß die verbleibenden 3 Th. aureus bislang fast alle Fototermine vereitelten, da die Buntbarsche sich wahrscheinlich dachten, daß sie unter normalen Umständen, sprich nach Expertenmeinung, ohnehin längst nicht mehr am Leben sein dürften. Warum sollten sie sich dann auch noch fotografieren lassen?

Momentan sieht alles gut aus und die Tiere sind gesund, sonst würden sie nicht laichen. Aber keiner weiß, wie es weitergeht. Die sog. „Expertenregel“ wurde ganz und gar nicht beachtet. Bei Thorichthys weiß man eben nie, wie sie reagieren. Als Lebewesen schließlich folgen sie auch keiner Regel, wie man hier sieht. Mal geht es gut, ein anderes Mal macht man sich viele Gedanken und versucht alles richtig zu machen, aber es klappt einfach nicht. Was ich vergessen hatte zu erwähnen: Michael pflegte bereits vor Jahren Th. aureus in einem großen Artbecken mit über 400 Litern. Die Tiere wurden als Jungfische eingesetzt und kamen auch nie wieder heraus, denn sie gingen nach und nach ein an den oben beschriebenen Symptomen. So oft wir auch die Natur nachahmen mit all‘ den zur Verfügung stehenden Mitteln wie Aquarientechnik, Wasseraufbereitung, Futter, etc., kopieren können wir sie in den allerwenigsten Fällen.

Literatur:

Buchhauser:, Thorichthys – bloß kein Streß, Aquaristik aktuell 5/97
Mayland: Cichliden, Landbuch-Verlag, 1995
Stawikowski & Werner: Die Buntbarsche Amerikas, Band 1, 1998
Stawikowski & Werner: Die Buntbarsche der Neuen Welt, 1985

© Peter Buchhauser