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Mexiko 1994 - nur der Maja-Ruinen wegen? (DCG-Information, 1996 / 45)

 

 


Es ist Mitte November und ich sitze im Flugzeug. Während daheim tristes Herbstwetter vorherrscht, werde ich morgen am Karibikstrand liegen. Fische fangen will ich nicht. Drei gute Gründe sprechen dagegen: Erstens sind alle meine Aquarien sowieso schon wieder überbesetzt und die Nachzuchten lassen sich nicht einmal mehr verschenken. Zweitens werde ich wahrscheinlich bald nach Belize fliegen, um dort mit zwei weiteren Cichliden-Fans 14 Tage mehr im Wasser als an Land zu verbringen. Drittens bin ich diesmal mit meiner Freundin unterwegs und die ist strikt dagegen, daß ich wieder in Viehtränken nach Cichliden „wühle", während einige Meter entfernt ein Krokodil diese seltsame Erscheinung beobachtet (siehe DCG-Info 10/92). Folglich bin ich gänzlich ohne ichthyologische Hoffnungen abgereist, obwohl ich mehrmals betonte, daß ich aus Belize unbedingt Vieja melanura mitbringen will. Für den seltenen Fall der Fälle - wenn vielleicht doch die schon lange gesuchte Cichlidenart zufällig vor meinen Zehen ihre Jungfischbrut ausführen sollte - habe ich dennoch eine schlichte „Ein-Mann-Ausrüstung" in einem kleinen Rucksack mitgenommen. 2 Membranpumpen, 2 Transformatoren, Luftschläuche, Verteiler, Klemmen, Plastikboxen mit 1 und 5 Liter Inhalt, Tüten, Gummis, Artemiaeier, Trockenfutter und 2 stabile Handkescher sollten genügen.

Die ersten Tage in Mexiko dienen nur der Erholung und den Versuchen, noch mehr Pyramiden als vor 2 Jahren vor die Kamera zu bekommen. Selbst ungewöhnlich gelb gefärbte Nandopsis urophthalmus in einer Lagune bei den Ruinen von Coba bewirken bei mir keinen Adrenalinstoß, zumal die dort ausgesetzten Tilapien bereits weit in der Überzahl sind.

Nachdem in Merida bereits Vorbereitungen für das Weihnachtsfest getroffen wurden (welche Illusion sollen Nikoläuse und Plastikrentiere bei 30°C Lufttemperatur hervorbringen?) und auch der Bundesstaat Campeche schon hinter uns liegt, fahren wir voller Erwartungen nach Palenque. Dabei habe ich andere als meine Begleiterin, nachdem ich im April 1992 für 12 Tage Station dort gemacht habe. Es könnte ja sein, daß...

 

Bei Agua Azul bemerke ich wieder eine ganze Reihe von Chuco intermedius, die sich dort sowieso nicht fangen lassen. Dabei denke ich an die bekannte Stelle in der Literatur: "Fische zum Verzweifeln..." (Stawikowski/Werner). Außerdem haben wir damals 16 intermedius lebend nach Deutschland gebracht und obwohl die Art vom Verhalten her sehr interessant ist, bietet sie farblich im Gegensatz zu den anderen Chuco-Arten sehr wenig. Nachdem ich im Restaurant erfahre, daß die Mojarras von Agua Azul ebenfalls Tilapien sind, die unterhalb der Kaskaden vorkommen sollen, ist meine gute Laune dahin. Furchtbar ärgere ich mich anschließend über 5 Mexikaner, die bis zur Brust im Wasser stehend und biertrinkend, ihre leeren Modelo-Dosen einfach in das Cichlidengewässer werfen. Ich unterlasse es, mit meinem schlechtem Spanisch die Brüder zu belehren und besinne mich darauf, daß ich der Gast im Land bin. Genug für heute.


Nachdem wir die Ruinen von Yaxchilan inspiziert haben und ich den Rio Usumacinta, stelle ich durch Aussagen vom Einheimischen fest, daß der Wasserstand zu diesem Zeitpunkt ungewöhnlich niedrig ist. Die Lehmauswaschungen an den Ufern lassen erkennen, daß zum Höchststand gut 4-5 m fehlen. Die schmutzig-braune Brühe ist für Aquarianer zum Fischen gänzlich ungeeignet, vor allem wäre ich mit meiner Ausrüstung vollkommen fehl am Platze. Die koagulierten Schaumflocken an der Oberfläche des doch relativ schnell fließenden Flusses dürften von Seifen oder sonstigen Waschmitteln stammen, da beiderseits des Usumacintas immer wieder Frauen beim Wäschewaschen auftauchen.

In Palenque fällt mir sofort auf, daß die Archäologen in den letzten 2 Jahren äußerst fleißig waren und noch viele Anlagen in der berühmten Mayastadt ausgegraben haben. Am anderen Morgen besuche ich den täglichen Fischmarkt und stelle mit Erschrecken fest, daß die angebotenen Cichliden zu mehr als 80 % aus Tilapien bestehen. Die angeblich alle aus der Laguna von Catazaja stammenden Tiere beinhalten heute nur 1 Amphilophus robertsoni, kaum Petenia, ein paar N. urophthalmus und V. bifasciata sowie mehrere N. managuense. Kein Cichlide ist dabei größer als 25 cm, während zumindest eine Tilapia-Art an die 40 cm herankommen dürfte. Der Rest von damals ist verschwunden. Vielleicht nur für diesen Tag, denn das Angebot kann morgen schon wieder ganz anders aussehen. Trotzdem vermisse ich die V. argentea, V. synspilum und die N. friedrichsthalii. Traurig, aber leider wahr.

 

Am Nachmittag ist es dann um mich geschehen. In kürzerer Zeit hatten wir gesehen, was wir sehen wollten. Da im Krisengebiet Chiapas die Campesinos die Straße nach San Cristobal blockieren, bleibt genug Zeit, um ein paar Cichliden zu fangen. Eigentlich hatte ich drei triftige Gründe gegen derartige Unternehmungen. Doch wenn ein richtiger Aquarianer zu viele Cichlidengewässer gesehen hat, dann gibt es keinen Halt mehr. Nach der Militärkontrolle hinter Palenque biege ich gleich links zum Rio Chacamax hinunter. Besser bekannt ist der Fluß unter dem Namen Rio Notutun, obwohl nur die kleine Häuseransammlung bei den Resten einer Maya-Pyramide so heißt. In der Befürchtung, daß Anfang Dezember der Wasserstand zu hoch und die Strömung zu stark zum Fischen sind, will ich wenigstens ein paar Fotos machen. Weit gefehlt. Höchstens 50 cm höher als im April 1992 zu Ende der Trockenzeit präsentiert sich der Chacamax beim Balneario.

 

Nun bin ich zwar kein Kenner der mexikanischen Jahreszeiten, dennoch verwundert es mich, daß im Dezember der Wasserstand der Flüsse kaum höher als im April ist. Allerdings kann in Südostmexiko sowieso kein genau festgelegter Wetterwechsel angegeben werden, da das Klima zu großen zeitlichen Schwankungen unterliegt und nicht zwangsläufig Ende April die Regenzeit einsetzen muß. Wir Europäer machen uns vermutlich falsche Vorstellungen von den beiden Jahreszeiten der Tropen. Unter Regenzeit darf keineswegs verstanden werden, daß es ständig regnet. Die kurzen, aber für unsere Begriffe sehr heftigen Niederschläge dauern meist nur wenige Stunden.

 

Doch zurück zum Rio Chacamax. Dieser Fluß stellt für mich im Bundesstaat Chiapas so etwas wie einen Idealcichlidenfluß dar. Ideal deshalb, weil der Fischreichtum, das klare Wasser und der niedrige Wasserstand es leicht machen, Cichliden zu fangen. Bilderbuchflüsse wie der Corzo oder der Lacanha sind ein prächtiges Fotoobjekt, doch was nützt es, wenn die Buntbarsche einfach in der Tiefe des Flusses verschwinden oder die Strömung einen ständig mitnimmt. Im Chacamax stelle ich wieder die gleichen Fische fest, allerdings in veränderter Relation und Größe. Waren vor 2 Jahren V. bifasciata recht rar und Jungtiere so gut wie nicht zu finden, so entdecke ich jetzt richtige Trupps von 3-5 cm kleinen Viejas und etliche Tiere bis zu einer Größe von knapp 20 cm. Anstelle der Vielzahl der brutpflegenden Paare von Thorichthys helleri und Theraps lentiginosus finde ich heute keine größeren Tiere oder Paare. Fast alle Cichliden, die ich registriere, sind etwa zwischen 3 und 6 cm groß, mit Ausnahme der erwähnten V. bifasciata. Vermutlich ziehen die Paare von Th. helleri und T. lentiginosus zu Ende der Trockenzeit in diesen Bereich, um abzulaichen und die Brut zu betreuen. Die Jungfische bleiben später dort zurück, wo ich sie als ca. halbjährige Cichliden gesehen habe und die Alttiere wechseln den Standort. Diese Vermutung wird bekräftigt von zwei mexikanischen Jungs, die etliche große V. bifasciata und seltsam gelbe V. spec. (synspilum oder melanura? Vom Menschen verbreitet oder dort natürlich vorkommend?) auf der Straße zum Verkauf anboten und mir erklärten, daß sie die Fische im Rio Chacamax ein gutes Stück oberhalb des Balnearios gefangen hätten. Ich weiß nun natürlich nicht, wie zuverlässig diese Aussage ist, allerdings sprechen die 25-30 cm großen V. bifasciata dafür. Bislang hatte ich keine so großen Exemplare lebend in Flüssen gesehen. Lediglich die spitzköpfigen V. conf. bifasciata standen 1992 in ihren trüben, stehenden Gewässern dicht unter der Wasseroberfläche und ließen so leicht Rückschlüsse auf eine annähernde Größe schließen. Im Chacamax ist N. salvini wieder einmal äußerst selten. Stellten wir vor zwei Jahren auf über 100 m Flußlänge nur ein brutpflegendes Paar fest, so sehe ich diesmal ganze drei Jungfische. Bemerkenswert, da sich N. salvini als echtes Rauhbein trotz seiner geringen Größe doch problemlos durchsetzen kann. Die schon von mehreren Aquarianern bemerkten "Panza negra" (Amphilophus nourissati) kann ich auch diesmal nicht feststellen. Immerhin haben sich meine Geschicke als Fänger verbessert, ich erwische in kurzer Zeit mit den beiden Handkeschern 3 Ch. intermedius, 2 Th. helleri, 2 T. lentiginosus und 1 V. bifasciata. Alle Fische haben die bereits erwähnte Größe, nur 1 intermedius ist mit ca. 12 cm deutlich größer. Dieses Tier ließ sich am Rand besonders leicht fangen, bei Ch. intermedius ein Zeichen dafür, daß der Fisch entweder krank oder altersschwach war. Nach der obligatorischen Fotoaufnahme entlasse ich das für den Transport viel zu große Tier wieder in die Freiheit.

 

Während den darauffolgenden 3 Stunden gelingt es mir nicht, weitere T. lentiginosus und V. bifasciata einzutüten. Es ist wie verhext, Ch. intermedius interessiert mich nicht und von Th. helleri habe ich selbst genug WFNZ daheim. Von den 1992 gefangenen T. lentiginosus haben wir später viele verloren und von V. bifasciata erwischten wir nur 2 Tiere, von denen eines bald darauf die seltsame Welt außerhalb meiner Aquarien kennenlernen wollte.

 

Endlich habe ich einen weiteren V. bifasciata im Netz, aber Viejas sind bekanntlich sehr flink und sprungfreudig. Nachdem es zu gießen anfängt, packe ich etwas enttäuscht meinen Fang ein und erkläre meiner Begleiterin, daß ab sofort die Membranpumpe in unserem Badezimmer dazu dienen soll, mir durch das monotone Geräusch einen besseren Schlaf zu ermöglichen.

 

Wie bereits zu Anfang gesagt, will ich keine Buntbarsche fangen. Urlaub machen und richtig vom Alltag erholen, anstatt bis zum Hals in einer lauwarmen Lehmbrühe zu stehen. Trotzdem waren am Rio Chacamax alle Vorsätze dahin. Das Cichlidenfieber hatte gesiegt.

 

Auf dem Rückweg zur Karibikküste machen wir Halt bei der Lagune von Bacalar, unweit der Grenze zu Belize. Nach der langen Autofahrt mit unserem schwarzen (!) VW Käfer will ich vor Sonnenuntergang lediglich kurz in die Lagune springen, um mich abzufrischen. Am anderen Morgen wollen wir bereits weiter nach Norden fahren. Doch es kommt anders. Der seltene Fall der Fälle tritt ein. Im Flachwasserbereich beim Hotelsteg tummeln sich die Cichliden nur so. Mit atemberaubender Geschwindigkeit (es wird bald dunkel!) hole ich Taucherbrille, Schnorchel, Kescher und Tüten aus dem Auto. Als ich auf dem Rückweg die Stufen zu schnell nehme und an meiner Freundin vorbeistolpere, weiß sie, daß mit mir etwas nicht stimmen kann. Als sie auf die Frage, was los sei, nur ein gestammeltes: "Melanura, melanura-Paare, melanura-Jungfische, melanura in allen Größen." zu hören bekommt, zieht sie es vor, mich und die Lagune alleine zu lassen. Für die zu später Stunde noch am und im Wasser befindlichen Touristen - vorwiegend Amerikaner - bin ich wahrlich eine sonderbare Erscheinung. Nachdem sie bemerken, daß ich nicht am Ertrinken bin, sondern seltsamerweise wiederholt einzelne Fischchen an Land bringe, sind sie weitaus weniger an mir interessiert. Mühsam und hastig zugleich fange ich 23 V. melanura mit ca. 1,5 cm und 4 ebenso große Th. affine. Weiterhin sehe ich Petenia splendida, N. friedrichsthalii, N. urophthalmus, Archocentrus spilurus (!), Belonesox, Poecilia velifera, große schwarze Welse und unbekannte Grundeln. Leider führen nur die V. melanura und die Th. affine Jungfische. Die Thorichthys zeigen sich absolut farblos. Vielleicht spielt die enorme Wasserhärte der Lagune, die bei über 50° dH liegen soll, dabei eine entscheidende Rolle. Obwohl nur wenige Kilometer vom Meer entfernt, schmeckt das Wasser kein bißchen salzig.

Der Rest läuft fast problemlos ab, nur meine Artemiaeier schlüpfen nicht. Um die Bacalar-Cichliden füttern zu können, steige ich auf kleine Ameisen und (leider) gehackte Segelkärpflinge um, da die Winzlinge mein Trockenfutter verschmähen. In meinem Handgepäck befindet sich eine erst für den Rückflug gekaufte zusätzliche Tasche, deren Inhalt wieder einmal bei den Mitreisenden Touristen Neugierde hervorruft. Nach dem Abendessen mache ich noch einmal alle Beutel auf, um nachzusehen und die Tiere mit neuer Luft zu versorgen. Auf dem Weg von Mexiko nach Europa gibt es auch diesmal durch das langsame Absinken der Temperatur im Flugzeug keine Verluste. Der sich dabei reduzierende Stoffwechsel der Fische bedeutet eine geringere Wasserbelastung im Transportbeutel und dadurch ein weiteres Plus für die Fische.

 

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei meiner Freundin Birgit, welche den Urlaub trotz der 2. Membranpumpe in unserem engen Zimmer großartig fand. Bei Frank und Manuela Angermann, die uns Süddeutschen den Flug ab/bis Amsterdam erst durch ihre großzügige Gastfreundschaft ermöglichten und last not least bei Michael Härtl, der wieder einmal meine Cichliden während meiner Abwesenheit vortrefflich pflegte.

 

Da nun wirklich kein Platz mehr in meinen Aquarien ist, nehme ich mir ernsthaft vor, beim nächsten Mal in Belize mit Frank und Michael keine Buntbarsche zu fangen.Wer glaubt's?


© Peter Buchhauser