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Adiós Guapotes (DCG-Information,1993 / 242)

 

 


Mit Guapotes werden fünf mittelamerikanische Buntbarsche der ehemaligen Gattung „Cichlasoma" bezeichnet. Diese hochspezialisierten Räuber haben außer Fischern und Anglern nahezu keinen natürlichen Feind. Am tief gespaltenen Maul und den „Hundszähnen" in Ober- und Unterkiefer lassen sie sich sofort erkennen. Nach dem neuesten Stand der Nomenklatur gehören hierher:

1. „Cichlasoma" dovii: (Guenther, 1864), der „Lagunero" wurde nach seinem Entdecker, Kapitän Dow, benannt. Der größte und schnellste Guapote erreicht in der Natur etwa 70 cm und ist als wohlschmeckender Speisefisch sehr begehrt. Das stattlichste Tier, das ich jemals in einem Aquarium sah, maß immerhin auch schon rund 55 cm. Kompromißlos setzt sich diese Art gegenüber anderen Fischen durch. Problemlos läßt sich dieser Cichlide in unseren Aquarien nachziehen, die zahlreichen und robusten Jungfische wachsen schnell.

2. „Cichlasoma" motaguense: (Guenther, 1869). Der laut Uwe Werner „schönste Guapote" steht seinem Bruder an Aggressivität und Durchsetzungsvermögen nur wenig nach. Seine gelbrote Färbung bietet einen hervorragenden Kontrast zu der blaugrünen Farbenpracht des Dovii; vorausgesetzt das Becken ist groß genug, sonst wird am Schluß nur der Stärkere übrig bleiben. Bei der Nachzucht dieses Buntbarsches machte ich folgende Erfahrungen: Bei gleichen Bedingungen wachsen junge „C." motaguense langsamer als ”C." dovii, die zudem ein viel gleichmäßigeres Größenwachstum an den Tag legen. Das Massensterben ganzer Jungfischbruten, wie wir es von „C." festae bei einer Größe von etwa 2 cm kennen, konnte ich leider auch mehrmals bei „C." motaguense feststellen. Hinsichtlich den Ansprüchen an die Wasserqualität scheint „C." motaguense empfindlicher zu sein als die anderen Guapotes.

3. „Cichlasoma" managuense: (Guenther, 1869). Die schwarzweiß gefleckten Cichliden sind im Vergleich zu den bisherigen Arten recht ruhige Gesellen, die ständig Appetit haben. In ihrer Heimat sind sie als Speisefisch lange nicht so begehrt; vielleicht deswegen, weil sie oft in trüben, schlammigen Gewässern vorkommen. Im Gegensatz zu allen anderen Guapotes bildet diese Art nur einen sehr geringen Farbdimorphismus bei den Geschlechtern aus.


4. „Cichlasoma" loisellei: (Bussing, 1989), der Paul V. Loiselle zu Ehren benannte Fisch beschäftigte etliche Jahre lang die Köpfe der ernsthaften Liebhaber. Ursprünglich als „C." managuense in unsere Aquarien eingeführt, wurde er danach fast ebenso lange als „C." friedrichsthalii bezeichnet. Mittlerweile dürfte die Zugehörigkeit endgültig geklärt sein. Der relativ friedliche Buntbarsch ist mit einer Maximalgröße von gut 30 cm zudem der kleinste Guapote.

5. „Cichlasoma" friedrichsthalii: (Guenther, 1869), der nach Baron von Friedrichsthal benannte Cichlide ist nun endgültig richtig bestimmt und bereits in unseren Aquarien nachgezogen worden. Mehrfach fanden sogar Verwechslungen mit „C." motaguense und „C." loisellei statt. Stawikowski und Werner wiesen in ihrem Buch „Buntbarsche der neuen Welt, Mittelamerika" ausführlich auf die Problematik um „C."friedrichsthalii hin und erwähnten zusätzlich „C." multifasciatum, eine Art, die heute mit großer Sicherheit als Synonym zu „C." motaguense gilt. Wenn man Weibchen und Männchen des Motaguabuntbarsches (die Handelsbezeichnung „Tigerbuntbarsch" für „C." motaguense ist schlecht gewählt, denn als „roten Tigerbuntbarsch" kennen wir bereits "C." festae, außerdem werden die Weibchen von „C." motaguense nach Jahren mitunter fast genauso rot wie „C." festae) miteinander vergleicht, dann kann man sich gut vorstellen, daß die Ichthyologen im vorigen Jahrhundert hier zwei verschiedene Arten vermuteten.

Nun will ich nicht mit Beschreibungen von Cichliden die Seiten füllen oder gar einem Ichthyologen zu nahe treten, aber erwähnt werden muß, daß selbst Literatur jüngeren Datums den Fotos oft genug falsche Namen gibt. In erster Linie fällt mir da ein großformatiges Buch mit vielen bunten Bildern und wenig sinnvollen Texten ein, das ein und derselben Cichlidenart bis zu drei verschiedene lateinische Namen zuteilt.

Genug der Kritik, zurück zum Titel, schließlich will ich doch vom Abschied der Guapotes sprechen. Abschied insofern, da die Aquarienzeit der Guapotes schon fast vorbei ist. In den siebziger und achtziger Jahren wurden die Heimaquarien immer größer, die Technik besser, und „Pioniere" wie Breidohr, Stawikowski, Weber, Werner, etc., haben neben vielen bis dahin unbekannten „Cichlasoma"-Arten die Guapotes zu uns mitgebracht. Die groß werdenden, recht eigenwilligen Tiere übten auf viele Aquarianer enormen Reiz aus. Allmählich entwickelte sich die Nachfrage nach den großen Hübschen. Bald wurden zahlreiche Nachzuchten in Kleinanzeigen angeboten und auch ich wurde „gefangen" von dieser und jener Art.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 1993, vieles ist passiert in der Aquaristik; der Crenicichla-Boom ebbt im Gegensatz zum Loricariiden-Boom bereits ab und die Guapotes sind beinahe so schnell wieder verschwunden, wie sie in unsere Aquarien kamen. Gerade „C." dovii und „C." motaguense laufen Gefahr, in unseren Aquarien auszusterben. Immer mehr Cichliden-Fans trennen sich von den beiden Arten, übrig bleiben ganz wenig eingefleischte Fans.

Das Problem hätten wir also erkannt, jetzt müssen wir nur noch die Ursache für das Aussterben der großen Hübschen (damit wir uns klar verstehen, es geht immer noch um die Guapotes und nicht um die momentan sehr aktuellen Dinosaurier) finden.
Obwohl die Aquarien nicht kleiner wurden und obendrein die Filtertechnik weiter verbessert worden ist, haben diese Cichliden anscheinend keinen Platz mehr bei uns, vielleicht weil immer mehr Aquarianer Profit aus ihrem Hobby schlagen wollen und Cichliden, die unmodern geworden sind, rechtzeitig abstoßen, um sich sofort mit dem „xxxx" spec. nov. "perlmuttweiß-blauopalisierend" einzudecken, dessen erste Nachzuchten bestimmt mit einigen Scheinen die Haushaltskasse aufbessern, da diese durch Ausgaben für das computergesteuerte Aquarium arg gebeutelt wurde. Oder womöglich hat sich das deutsche Prestigedenken verschoben. Nicht mehr der (sinkende) Stern auf der Kühlerhaube zählt, wichtiger ist, daß der Nachbar z.B. noch nicht den schwarzweißen Superwels im Aquarium hat. Meines Wissens gingen gewerbliche Angebote bei Merodontotus tigrinus bis zu 4000.- Euro für ein Tier.

Ich pflege seit etwa zehn Jahren Guapotes, bin mir längst bewußt, daß diese Tiere keine Zierfische sind, trotzdem ist der Reiz dieser fünf Arten bei mir ungebrochen. Andererseits ist es wichtig, die Thematik „Speisefische in Aquarien" kritisch zu durchleuchten. Neben den Guapotes geht es den "Paradiesvögeln" (Vieja-Arten, früher Theraps) und den großen südamerikanischen Welsen der Gattung Pimelodidae ähnlich. Klar sollte allen Aquarianern aber sein, daß Großwelse, die in der Natur einem Meter Länge oder mehr erreichen können, im Zwei-Meter-Becken nichts zu suchen haben. Natürlich bleiben die Cichliden kleiner, trotzdem benötigen sie aufgrund ihrer Revierbildung eine Menge Platz, um sich nicht gegenseitig totzubeißen. Die Guapotes sterben vermutlich schneller in unseren Aquarien aus als die „Paradiesvögel", da „C." motaguense und Konsorten wesentlich aggressiver im Verhalten sind und daher nur bedingt vergesellschaftet werden können. Dies mag der erste Grund sein, weshalb es immer weniger von ihnen in unseren Aquarien gibt. Ich kann verstehen, daß es nervt, wenn man in einem 500-Liter-Aquarium nur eine Cichlidenart halten kann, weil sich die Tiere mit keiner anderen Art vertragen. Bei starken adulten Tieren ist es dann oft nur möglich, ein Paar pro Becken zu halten. Wenn zudem der "Bock" nach Jahren der Harmonie sein geliebtes Weib aus heiterem Himmel plötzlich ins Jenseits befördert, dann hat der Cichliden-Fan vermutlich endgültig die Nase voll und will die Tiere nur noch irgendwie loswerden.

Hier sollte man sich erinnern, daß bei paarweiser Haltung lediglich der natürliche Feindfaktor fehlt, an dem der Cichlide normalerweise seine Aggressionen auslassen kann. Im Aquarium richten sich über kurz oder lang die gestauten Aggressionen gegen das meist schwächere Weibchen, welches wegen der fehlenden Fluchtmöglichkeit dann den kürzeren zieht. Die Natur benötigt diese Aggressionen, sonst wäre keine Fortpflanzung möglich. Einem pflegenden Paar darf kein Fisch zu nahe kommen. Ab einer bestimmten Distanz signalisiert der Eindringling höchste Gefahr und das Männchen der Offenbrüter geht zum Angriff über. Dem Eindringling wird in der Natur meist nichts passieren; sobald er den Gefahrenbereich verlassen hat, ist die Verfolgung zu Ende.

Besinnen wir uns auf unsere Aquarien-Guapotes zurück, dann brauchen wir robuste Feindfische, um die Aggressionen der Cichliden darauf zu konzentrieren. Allerdings soll diese Maßnahme nicht in Tierquälerei ausarten, daß wöchentlich fünf Feindfische für das Dovii-Männchen gekauft werden müssen. Ich selbst habe mit großen Schilderwelsen der Gattungen Hypostomus, Glyptoperichthys, Pterygoplichthys, etc. gute Erfahrungen gemacht, ohne daß die Welse unter den Guapotes leiden mußten. Das Zusammenleben funktioniert prächtig, die Welse bezaubern durch ihr urzeitliches Aussehen (jetzt doch Dinosaurier ?) und ihren bedächtigen Bewegungen. Leider produzieren die großen Welse eine Unmenge an Dreck, so daß konsequenterweise diese Vergesellschaftung einen wirklich ausreichend dimensionierten Filter erfordert, verbunden mit einem regelmäßigem Wasserwechsel.

Eine andere Möglichkeit ist es, die Beckentemperatur abzusenken, um so das Temperament der Guapotes zu zügeln. Ich selbst halte von dieser Idee wenig, da dadurch der Fortpflanzungstrieb gehemmt wird und die tiefen Hälterungstemperaturen absolut unnatürlich sind. Lediglich das kurzzeitige Reduzieren der Wassertemperatur ist ratsam, wenn neue Tiere hinzugesetzt werden und dadurch die Beckenhierarchie durcheinandergebracht wird.

Die zunehmende Lebensraumzerstörung , die wachsende Umweltverschmutzung und Faunenverfälschung in Mittel- und Südamerika (nicht nur dort; eigentlich überall auf unserem blauen Planeten!) machen die beängstigende Vermutung deutlich, daß manche Fischarten - egal, ob Zierfisch oder Speisefisch - bald aussterben werden. Noch haben wir Aquarianer die Möglichkeit, diese Arten wenigstens in Gefangenschaft überleben zu lassen. Die Patenschaft für Cichlidenarten scheint eine Abhilfe zu sein. Jedoch sollen die Patenschaften kein Muß werden, sondern für jeden gewissenhaften Aquarianer selbstverständlich sein. Mit Zwangsmaßnahmen erreicht man viel weniger. Ich möchte hiermit an alle Aquarianer, ehemalige Guapotes-Fans und sonstige ernsthafte Liebhaber appellieren: Laßt diese Cichliden wenigstens nicht in unseren Aquarien aussterben, wenn die Menschheit schon den natürlichen Lebensraum zerstört.

In Mexiko habe ich selbst miterlebt, wie weit diese Zerstörung bereits fortgeschritten ist. Bei unserer Fangreise waren Straßenbrücken ein sicheres Indiz für einen darunter hindurchfließenden Bach oder kleineren Fluß. Neben glasklarem Wasser sahen wir mehrmals übelriechende, fast stehende Gewässer. Dort lebten „Paradiesvögel", die lethargisch an der Oberfläche nach Luft schnappten, da die dicke Ölschicht obenauf dem Wasser jeglichen Gasaustausch untersagte. Solche Gewässer sind bald völlig tot, einschließlich sämtlicher Bewohner.

Abschließend etwas über die ersten drei Zeilen meines Artikels. In meinem holprigen Spanisch wollte ich zu Beginn mitteilen, daß die großen Hübschen in ihrer Heimat normalerweise als gegrillter Barsch serviert werden. Ausgerüstet mit bester Cichlidenliteratur bestellten wir in Palenque/Mexiko unseren Tenguayaqua (= Petenia splendida, eine den Guapotes sehr nahestehende, ebenfalls räuberisch lebende Cichlidenart, die weitaus friedlicher, ja schon als scheu bezeichnet werden kann) als mojarra frita. Indem wir dem Chef des Hauses höchstpersönlich ein Bild unseres gewünschten Abendessens unter die Nase hielten und ein klares sí hörten, dachten wir, daß uns nun ein mittelamerikanischer Cichlide serviert wird. Pustekuchen. Kurze Zeit später bekamen wir Tilapien serviert, deren ekelhafter Schlammgeschmack mir heute noch hochkommt.

Nachzuchten von Guapotes lassen sich derzeit in Deutschland nur noch sehr mühsam absetzen, selbst geschenkt wollen die Zoohändler die Tiere oft nicht haben. Deshalb habe ich mir überlegt, ob sich nicht andere Absatzmärkte für meine Guapotes öffnen lassen, wenn die Tiere eine bestimmte Größe erreicht haben. Ein selbst durchgeführter Test hat mich überzeugt. „C." dovii, in Alufolie gedünstet, schmeckt ausgezeichnet. Gut geeignet sind Tiere von circa 400 - 500 g Lebendgewicht. Gefüllt mit einer Mischung aus Zwiebel, Knoblauch, Butter und Petersilie erhält das wie Zander schmeckende Fleisch eine pikante Würze. Bedenken hinsichtlich medikamentöser Behandlungen durch das als krebserregend geltende Malachitgrün hatte ich nicht, da eine etwaige Behandlung viel länger als ein Jahr zurückliegen mußte, falls die Tiere überhaupt je von mir damit behandelt wurden. Sehr wichtig erscheint mir die Ernährung der Guapotes. Die bei Großcichliden beliebten Futtersorten wie Sticks, Rinderherz, Dosenkatzenfutter, Seelachs, etc. lassen die Tiere auf Dauer verfetten, wodurch der Geschmack deutlich beeinträchtigt wird. Gerade andere Arten neben den Guapotes, wie zum Beispiel „C." citrinellum oder Vieja synspilus entwickeln beachtliche Stirnbuckel, die fast nur aus Fett bestehen. Solche Arten können aus ernährungsphysiologischer Sicht in der heutigen Zeit der "Light-Welle" nicht empfohlen werden.

Adiós guapotes. Anschauen im Aquarium werden wir euch nicht mehr lange können, aber vielleicht finden wir euch bei den gewerblichen Fischzüchtereien wieder. Ewig Tiefkühlforelle und Fischstäbchen hält schließlich kein Mensch aus. Rezepte für einen Guapote als Alternative zum Weihnachtskarpfen können deshalb kostenlos bei mir bestellt werden. Damit möchte ich mich verabschieden. Das Angebot über den Guapote-Burger an die große Fast-Food-Kette mit dem schottischem Namen soll auch endlich geschrieben werden.

Es wäre schön, wenn sich mehr Aquarianer als bisher Gedanken über das Aussterben von Fischen in unseren Aquarien machen würden.


© Peter Buchhauser